Die Harfe im Serail

Tom Daun WeihnachtskonzertIn der Welt des Orients zählte die Harfe lange zu den wichtigsten Instrumenten. Zum sanften Klang der Ҫeng ließ sich der Sultan verwöhnen. Lange Zeit war es nur Frauen erlaubt, ihre Saiten zu streicheln. Erst im Laufe der Jahrhundert wurde die Ҫeng von der arabischen Oud-Laute verdrängt.

Tom Daun entführt ins Serail und in die märchenhafte Klangwelt des Orients: Kompositionen vom osmanischen Hof, arabische und persische Volksmelodien, Musik der sefardischen Juden und Klänge aus „Al Andalus“ – dem mittelalterlichen Spanien. Ergänzt wird das Programm durch abendländische Charakterstücke zwischen Barock und Impressionismus – inspiriert von orientalischen Phantasien und Sehnsüchten.

 

 

Programm

TitelKomponist
Cecen kızıTamburi Cemil Bey (1873 – 1916)
Morgenliedtrad. Griechenland (Kalymnos)
Gnossienne 3Erik Satie (1866 – 1925)
Marche pour la cérémonie des TurcsJean Baptiste Lully (1632 – 1687)
Wascha Mesa/ JudentanzHans Newsidler (1508 – 1563)
Schirazula MarazulaJacob Paix (1556 – 1623)
Ungarescha / Saltarello
La suave melodiaAndrea Falconieri (1585 – 1656)
Nikiz PeșrevAli Ufki Bey (1610 – 1675)
Lamma badaArabo-Andalusisch (12. Jh)
Hija miatrad. sefardisch
Kutsavakikotrad. Ägäis
Izmir Zeybegitrad. Ägäis
Nihavent Longatrad. osmanisch
Ajsino Orotrad. Balkan
Dobry Dien
Golden dreamJavad Maroufi (1912 – 1993)
Dile Kutcheolo / Gole Sangamtrad. persisch
Simin Beritrad. kurdisch
Gnossienne 1Erik Satie
Hasapikotrad. Ägäis

 

Tom Daun: Die Harfe im Serail

“Ohne den Klang der Harfe greife nicht zum Glas

Umgarnt von ihren seidenen Saiten lauscht das Herz

Und erlebt tiefstes Glück in trunkener Weinseligkeit.“

Schon der mittelalterliche persische Mystiker Hafiz pries im schwärmerischen Ton den zauberhaften Klang der Harfe. In der orientalischen Musik des 13. und 14. Jahrhunderts zählte die Ҫang zu den beliebtesten Instrumenten. Persische Miniaturmalereien der Zeit zeigen reich verzierte große Winkelharfen – also Harfen ohne vordere Säule – deren Klangkorpus auf dem Schoß der Spielerin ruht. Gespielt wurde die Ҫang schon damals fast ausschließlich von Frauen, vor allem im Harem – eine Tradition, die sich am Osmanischen Hof bis ins 18. Jahrhundert hielt.

Zu jener Zeit wurde die orientalische Harfe allerdings langsam verdrängt von den Lauten- Instrumenten. Die orientalische Tradition kennt eine Vielzahl von Tonskalen mit Vierteltönen, sogenannte „Maqame“ (türkisch-arabisch) oder „Dastgahs“ (persisch). Auf Lauteninstrumenten, etwa der arabischen Oud oder der türkischen Baglama, lassen sich diese Feinheiten der Intonation problemlos wiedergeben, da der Spieler die Position seiner Finger auf dem Griffbrett beliebig ändern kann. Eine Harfe hingegen muss erst auf die jeweilige Skala eingestimmt werden. Der süße Klang der Ҫang verstummte schließlich auch im Serail – überlebte aber in zahllosen orientalischen Gedichten.

Während die abendländische Musik seit dem Mittelalter in Noten festgehalten wurde, geschah die Weitergabe von Melodien im Orient fast ausschließlich mündlich – vom Lehrer auf seinen Schüler. Die frühesten Notations-Zeugnisse stammen meistens von europäischen Gelehrten. Erst im späten 19. Jahrhundert begann man am Hof des Sultans, die Musik auch schriftlich zu notieren. Die Werke des Santur-Virtuosen Tamburi Cemil Bey zählen zu den schönsten Stücken dieser Zeit. Viele Kompositionen früherer Epochen sind für immer verloren.

Aus der Mitte des 17. Jahrhunderts stammt eines der ältesten und wichtigsten Zeugnisse osmanischer Musik: der junge polnische Adlige Wojciech Bobowski war bei einem Tatarenüberfall in osmanische Gefangenschaft geraten und diente viele Jahre als Page und Musiker im Serail. Unter seinem neuen Namen Ali Ufki Bey sammelte er zahlreiche Melodien, die am Hofe populär waren.

Der musikalische Kontakt zwischen Orient und Abendland reicht jedoch noch viel weiter zurück. Schon im Mittelalter fand auf der Iberischen Halbinsel ein reger Austausch zwischen christlichen, jüdischen und islamischen Musikern statt. In den Balladen und Liedern der sefardischen Juden klingt das Echo dieser Zeit bis in die jüngste Gegenwart.

 

Seit der Renaissancezeit versuchten Komponisten im Abendland immer wieder, orientalisches Flair zu verarbeiten. Da die Kenntnise über die Musik der Osmanen, Araber oder Perser eher bruchstückhaft waren, ließ man sich dabei gerne von der eigenen Phantasie inspirieren: Hans Newsidlers Miniaturen für Laute oder Jean Baptiste Lullys filigraner Türkenmarsch haben mit orientalischer Tradition nicht viel gemeinsam.

Auch der musikalische Einzelgänger Erik Satie war 200 Jahre später fasziniert von der Welt des Orients. In seinen zarten, zerbrechlichen Klangbildern schuf er eine sehr eigenwillige Musik, die man mit dem Begriff „neogriechisch“ oder „byzantinisierend“ umreißen kann.

Die Grenzen zwischen Kunst- und Volksmusik sind im Orient fließend. Viele Stücke der osmanischen Hoftradition fanden schnell Eingang in das Repertoire von Lautenisten oder Santurspielern in Städten und Dörfern. Umgekehrt wurden ländliche Tanzmelodien auch am Hofe populär. Das Osmanische Reich war ein Vielvölkerstaat; arabische und armenische, persische und griechische, türkische, kurdische und tatarischen Einflüsse vermischten sich. Im zweiten Teil des Konzertprogramms liegt der Schwerpunkt auf Volksmelodien verschiedener Regionen: ungerade Tanzrhythmen von der Ägäisküste und vom Balkan, alte Balladenmelodien aus den Bergen Anatoliens und sanfte Klänge aus Persien.

Tom Daun erlernte viele dieser Stücke von geflüchteten Musikern aus dem Orient. Seit drei Jahren spielt er mit kurdischen und arabischen Interpreten zusammen und tritt im Trio Tarab auch mit einem Virtuosen Santurspieler und einem jungen kurdischen Sänger auf.